Krankenhäuser am Tropf

Grippewelle enthüllt Misere des britischen Gesundheitssystems

Aus London: WAZ-Korrespondent Ulrich Schilling

Dringende Operationen werden verschoben, Patienten liegen auf düsteren Fluren, Geburten werden mitten in den Wehen gestoppt, weil keine Betten frei sind: Die englischen Krankenhäuser hängen am Tropf.

Die alljährliche Attacke des Grippe-Virus hat mit einem Schlag die katastrophale Lage eines Gesundheitssystems enthüllt, das bei seiner Einführung nach dem Zweiten Weltkrieg als Vorbild für die ganze Welt galt. Inzwischen funkt der berühmte "National Health Service" Notrufe. Die einst großzügige Rundum-Versorgung ist zu einem schäbigen Reparatur-Unternehmen verkommen, das für die Kritiker auf dem Niveau eines Dritte-Welt-Landes liegt.

Jeden Tag geistern neue Horror-Geschichten durch die Schlagzeilen der großen Zeitungen, die unermüdlich die Gründe für die bedrohliche Misere zusammentragen. Am Montag war es noch der Rentner, der nach einem Schlaganfall zwei Tage lang auf einem Rollbett in der Notaufnahme vergeblich auf ärztliche Behandlung warten mußte.

Einen Tag später wurde er abgelöst durch Baby Jake, dem die unzumutbaren Zustände in der Säuglingsstation tagelang den Zutritt zur Welt verwehrten.

Kurz nach Einleitung der Geburt wurden die Wehen der jungen Mutter künstlich gestoppt. Man hatte festgestellt, daß weder Hebammen noch ein Bett für den neuen Erdenbürger vorhanden waren. Erst 62 Stunden später durfte die 26jährige Jane Ford endlich entbinden.

So bedrohlich wuchs die Krise, daß sich der Regierungschef persönlich in die Bewältigung einschalten mußte. Wenige Stunden nach Urlaubsende forderte Tony Blair bereits einen persönlichen Rapport seines Gesundheitsministers ein. Frank Dobson hatte außer einer förmlichen Bankrotterklärung wenig anzubieten.

Man ist am Ende - und Aussicht auf baldige Gesundung ist angesichts eines unüberschaubaren Problem-Staus nicht in Sicht. Nur vordergründig ist nämlich die Grippewelle für den akuten Notstand verantwortlich zu machen. Es ist bei weitem keine Epidemie, die zur Zeit die Insel überzieht. Nicht einmal hunderttausend Briten leiden unter den Folgen des Sidney-Virus, der zum Jahresanfang die traditionelle Influenza-Phase einleitete.

Dennoch stürzte das keineswegs überraschende Auftreten der Virus-Welle das gesamte System ins Chaos. Über Jahrzehnte fehlten Rezepte für eine umfassende Reform des "National Health Service", der grundsätzlich für jeden Briten kostenlos ist und aus dem Steuertopf, finanziert wird.

Nun läßt sich die Krise in nackte Zahlen fassen. Überall im Land fehlen Betten, weil unrentable Kliniken geschlossen wurden. Vor dreißig Jahren gab es noch 550 000 Betten in mehr als 3000 Krankenhäusern. Heute stehen. gerade mal 198 000 Plätze zur Verfügung.

Folge waren lange Wartezeiten für Operationen und erhöhter Streß für das Personal. Scharenweise verließen qualifizierte Kräfte das staatliche System und suchten anderswo Unterschlupf. Ärzte kündigten nach pausenloser Schichtbelastung. Inzwischen fehlen auch 13 000 Krankenschwestern. Ersatz wird in Fernost gesucht, wo Monatslöhne von brutto knapp tausend Pfund (rund 2800 DM) noch attraktiv sein mögen.

In der Heimat heuert eine "Nurse" lieber bei einer privaten Agentur an, wo geregelte Arbeitszeiten mit einem höheren Verdienst gekoppelt sind. So mußten viele staatliche Krankenhäuser auf dem Höhepunkt der Krise zähneknirschend auf den florierenden Privatsektor zurückgreifen.

Mit einer drastischen Anhebung der Gehälter von 10% will man nun die Berufe in der Krankenpflege wieder attraktiv machen.