Jetzt wird's spannend

Dr. Werner Fuchs, Krefeld

Bundesregierung und Opposition sind, glaubt man den Auftritten der Matadore in Berlin, wild entschlossen, die nächste Stufe der "Verformung" der GKV umzusetzen.

In Nordrhein, mutmaßlich auch in den anderen KZVen, wurde den Zahnärzten durch den KZV-Vorstand nicht nur annonciert, daß die Budgets bereits dramatisch überschritten wurden und der HVM bis zu 30 Prozent in Teilbereichen gekürzt werden muß. Zwischen den Zeilen wird darüber hinaus angedeutet, daß dies nicht das Ende der "floatenden Einzelleistungsvergütung" ist. Für sich betrachtet sind die beiden Fakten ärgerlich, aber seit 25 Jahren in der ein oder anderen Form zur Gewohnheit geworden.

Beide Hälften werden aber zu einem höchst brisanten Sprengsatz, wenn sie zusammengeführt werden. Dies ist der Fall, wenn 2005 gesetzliche und private Versicherung für die gleiche Leistung, den Zahnersatz, Zusatzversicherungen verkaufen dürfen.

Beide Versicherungsstrukturen werden sehr genau das Leistungs- und Abrechnungsverhalten der Zahnärzte für Zahnersatz bis zum 31. Dezember 2004 beobachten. Es steht zu befürchten, daß die Zahnärzte, weil sie mit chronischem Tunnelblick auf die Menge jede weitere Kürzung der Einzelleistung in Kauf nehmen, den Versicherungen die Steilvorlage bieten, ab 2005 diesen indirekt gefloateten Punktwert in definitive Honorare umzuwandeln. Dabei ist es unerheblich, durch welche Stellschrauben des neuen Gesetzes das geschieht.

Verschärfend wirkt das kurzsichtige und auf die Klientel bezogene Verhalten der KZV-Vorstände. Der gängige HVM belohnt bewußt die, die in die Menge flüchten. Hohe Fallzahlen pro Quartal ermöglichen durch ausgefeilte Rechenmodelle hohe Mengen im Bereich ZE, KCH, KBR und PAR. Bewußt wurden und werden alle Anträge verworfen, die eine Degression der Fallkontingente zum Ziel haben, um eben nicht die große Menge zu provozieren, die allfällige HVM-Abschmelzungen egalisieren soll.

Dieses unlimitierte Mengendenken kehrt sich nun ins Gegenteil. Den Geist, den die Zahnärzte mit großer Mehrheit in den Vertreterversammlungen herbeigerufen haben, werden sie nicht mehr los. Die Patienten haben, anders als 1988, als Norbert Blüm ("Die Rente ist sicher") die GKV reformierte, fast 18 Monate Zeit, die Zahnarztpraxen zu bevölkern, um scheinbar noch einmal günstig Zahnersatz einzukaufen. Und die Zahnärzte werden, wenn sich der Trend fortsetzt, die scheinbare Chance nutzen, scheinbar noch einmal richtig zu verdienen.

Da sie aber schon jetzt keine Anstalten erkennen lassen, unter den veröffentlichten Kontingentkürzungen ihr Mengenverhalten gemeinsam und geschlossen zu verändern, werden sie wohl auch nicht die Gefahr sehen oder sehen wollen, in welch lang nachwirkende Falle sie tappen, wenn ab 2005 die Versicherungen direkt oder indirekt die Einzelleistungs-Pauschalhonorare mitbestimmen werden.

Daß die großen Berufsvertretungen das zu erwartende Desaster verhindern, ist nicht zu erwarten. Eitelkeit und Rechthaberei der Führungskräfte, Machtkämpfe um hoch dotierte Spitzenposten in den Körperschaften und tiefe Zerstrittenheit innerhalb der großen Verbände werden jedes Umsteuern unmöglich machen.

Die lokalen Zusammenschlüsse der Zahnärzte sind, wenn überhaupt, die letzte Möglichkeit, um zu gemeinsamen Beschlüssen und Aktionen zu kommen, die vielleicht den Schaden begrenzen können. Dabei muss davor gewarnt werden, vermeintlichen "Dachorganisationen" lokaler Vereine zu folgen, deren gut verdienende Vorstände durchgängig und natürlich rein zufällig gleichzeitig Funktionäre großer Berufsverbände sind.

Basisinitiative ist gefragt. Problembewusstsein und der Wille zum Kompromiss sind die Fähigkeiten, die zurzeit wichtiger sind als Abrechnungsoptimierung.

Die Faktenlage ist klar, die Interessensgegner der Versicherungen ebenfalls, wie die Möglichkeiten der Gesetzesnovelle 2005. Es liegt jetzt ausschließlich bei uns Zahnärzten, ob wir in die Falle des Gesetzes tappen oder den Spieß im letzten Moment umdrehen.