2003 - Ein Schicksalsjahr?

Dr. Werner Fuchs, Krefeld

In einem Interview mit einem bekannten Unternehmensberater, das in einem renommierten Wirtschaftsblatt abgedruckt war, antwortete der Vorstandsvorsitzende auf die Frage, wann denn endlich die jetzige Krise beendet sei, er fürchte sich vor einem allzu schnellen Ende der derzeitigen Probleme in Staat und Wirtschaft. Es sei so viel an eingefahrenen und zementierten Strukturen aufgebrochen und verändert worden, dass ein zu frühes Ende der Krise diesen heilsamen Prozess abrupt stoppen würde, obwohl erst ein Teil der Restrukturierung geschafft ist.

Übertragen auf das "Gesundheitswesen" in unserem Land muss ich feststellen, dass die Krise noch nicht einmal begonnen hat, so wenig hat sich bis heute bewegt. Die Gesundheits-AG Deutschland, die seit dem vorletzten Jahrhundert in den Grundsätzen konserviert wurde, ist bankrott; nur durch Bilanzfälschungen und illegale Subventionen konnte der Offenbarungseid bisher verzögert werden.

Alle Beteiligten der AG üben sich dennoch in vornehmer Zurückhaltung, in der Hoffnung, noch für einige Zeit von dem Ancien Régime profitieren zu können. Die Regierung reagiert, wie sonst nur in Bananenrepubliken, mit einem Lohn-/Preisstopp - und keiner protestiert, jedenfalls im Verhältnis zu den Millionen Betroffenen ist der Protest zu vernachlässigen. Also kann ich daraus schließen, dass es keine Krise gibt, und in Konsequenz kann es auch keine Veränderung geben.

Für das Jahr 2003 werden nun einschneidende Veränderungen angekündigt. Es ist zu vermuten, dass die Pleite nicht mehr zu vertuschen ist. Die Regierung versucht durch ein neues Vokabular unpopuläre Maßnahmen geschickt zu verkaufen.

Qualität

Dass eine Frau Schmidt es wagt, diesen Begriff überhaupt in den Mund zu nehmen, empfinde ich als Frechheit, hat diese Frau doch mutmaßlich in ihrem ganzen Leben nicht so viel Fort- und Weiterbildung vorzuweisen, wie ein Zahnarzt in einem Jahr. Und trotzdem lassen wir uns diese Provokation wöchentlich gefallen.

Schultern

Es sei an der Zeit, dass die Starken in diesem Land schultern, was die Schwachen nicht können. Damit wird durch Wecken archaischer Instinkte übertüncht, dass es die "Schwachen" in unserem Lande sind, die ohne Einschränkung, besser als die meisten Privatpatienten, den gesamten Leistungskatalog der Zahnheilkunde ohne Eigenbeteiligung genießen können.

Gerechtigkeit

Diese Regierung, die man seit kurzem ungeniert der Lüge bezichtigen kann, behauptet doch dreist für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, indem Steuervorteile abgebaut und Schlupflöcher geschlossen werden, die von den "Reichen" in diesem Lande schamlos ausgenutzt werden. Offenbar will man nicht wahrhaben, dass es mehr und mehr Facharbeiter und Rentner sind, die ihre Tafelgeschäfte im Ausland erledigen oder gleich ihren Wohnsitz dorthin verlegen.

Demografischer Faktor

Vielleicht sollte man besser vom "dämografischen" Faktor sprechen. Alles und Jedes wird mit der Alterspyramide entschuldigt und erklärt. Tatsächlich geht es um einen mit zunehmender Schärfe geführten Verteilungskampf von Alt gegen Jung. Hier versagt die Regierung erneut, denn sie orientiert sich an dem Wahlverhalten der Betroffenen und nicht an der Pflicht zum Ausgleich.

Und die Zahnärzte?

Wir haben uns eingerichtet, mit dem HVM, der die einzelne Leistung konterkariert, der KZV, die zum überbezahlten Subunternehmer der Gesundheits-AG mutiert ist, und der Kammer, die nur noch vom Muff der Sturheit, der Ignoranz und Arroganz zusammengehalten wird.

Paranthese

Würde Analoges wie der Skandal um illegale Laborgeschäfte hunderter Kollegen in der freien Wirtschaft oder einer Regierung vorkommen, so gäbe es keine andere Konsequenz für die Vorstände und/oder Kabinette als die Übernahme der Verantwortung für das Versagen in ihrem Verantwortungsbereich und den Rücktritt von ihren Ämtern. Wir werden erleben müssen, dass Zahnärzte meilenweit von diesen elementaren Regeln von Anstand und Kultur entfernt sind. Wer nun hofft, dass es eine öffentliche Krise in der Zahnärzteschaft geben wird, der verkennt die Fakten. In vielen Gebieten arbeitet je 1.000 Einwohner ein Zahnarzt - und man hört keine Klagen.

Nur noch 20 Prozent der Zahnärzte erzielen einen Gewinn von mehr als 50.000 Euro vor Steuern - und man hört keine Klagen. Die jungen Kollegen argumentieren vielmehr, dass es kaum Arbeitslosigkeit unter den Zahnärzten gibt und ein Grundeinkommen durch den HVM gesichert ist. Zwischen 25 und 50 Prozent der Zahnärzte in Deutschland sollen, so informierte Kreise, unter Bankaufsicht stehen - und man hört keine Klagen.

Es ist also nur simple Rhetorik zu argumentieren: "Wenn erst einmal der Karren vor die Wand gefahren ist, dann ..." Der Karren sitzt in der Wand und in der Zahnärzteschaft gibt es keine Krise, jedenfalls keine, die in die Öffentlichkeit dringt. Die Kassen haben munter ihren Apparat aufgeblasen und sind überrascht, dafür plötzlich in der Kritik zu stehen. Und jede der vielen hundert überflüssigen Kassen kämpft mit Zähnen und Klauen um ihr Museum.

Im Ergebnis werden wir also im Jahr 2003 eine Krise in der Finanzierung der Gesundheits-AG bekommen, die der Staat nicht mehr vertuschen kann. Die zahnärztlichen Verbände werden ohne Basis, da es ja, quod erat demonstrandum, keine Krise an der Basis gibt, auf verlorenem Posten bei der Restrukturierung der AG stehen. Letztlich ist also das Jahr 2003 lediglich ein Schicksalsjahr für Frau Schmidt. Es wird sich entscheiden, ob sie weiter Bundesministerin bleiben wird oder ein neuer Minister, für mich der Siebte, zum Museumswächter erkoren wird.