Nur weiter so ...

Dr. Werner Fuchs, Krefeld

Die englischen Wochen zahnärztlicher Standespolitik in Nordrhein sind vorüber. Nach Sitzungen des Vorstandes, der Fraktionen und nach absolvierter Vertreter- und Kammerversammlung ist es angebracht, Zwischenbilanz zu ziehen.

Es fällt auf, daß nach nicht einmal 100 Tagen der Wahl in den Bundesvorstand der KZBV die beiden neuen nordrheinischen Vertreter völlig hilf- und ratlos sind. Darüber kann auch nicht die wirklich bemerkenswerte Rhetorik von Herrn Wagner und Herrn Eßer hinwegtäuschen. In der Kammerversammlung versuchten beide verzweifelt eine Diskussion zu entfachten, wie die Basis sich die Zukunft der Rahmenbedingungen für die Tätigkeit als Vertragszahnarzt vorstellt. Daß es dazu keine Resonanz aus dem Plenum gab, hatten weder Herr Wagner noch Herr Eßer so erwartet. Wie aber sollte eine Diskussion auch zustande kommen? Der Umgang der Kollegen, speziell der berufspolitischen Kollegen, ist dermaßen von Kälte und Mißtrauen geprägt, daß eine konstruktive Politik in Nordrhein unmöglich ist.

Der KZV-Vorsitzende Ralf Wagner bauschte in seinem wieder einmal zweistündigen Vortrag in der VV eine Fernsehsendung auf, in der ein Kollege in unsachlicher und polemischer Art und Weise das Abrechnungsverhalten der Zahnärzte pauschal diskreditierte. Herr Wagner drohte diesem Kollegen regelrecht, redete sich in Rage gegen die Kassen und Gott und die Welt - unterschlug aber bewußt und systematisch die sogar vom Moderator dieser Fernsehsendung hoch gelobte Reaktion des Bundesvorstandsmitglied Dieter Krenkel (Nordrhein), der kurz, knapp und sehr effizient die Affäre zurechtrückte und auch beim kritischen Zuschauer am Ende dieses Berichtes keinen Zweifel ließ, daß alle Vorwürfe falsch, abwegig und unsachlich waren. Der Moderator war ob des Auftrittes von Herrn Krenkel so beeindruckt, daß er ihn als einen der besten Vertreter seiner Zunft adelte. Nicht ein Wort darüber von Herrn Wagner! Warum?

Herr Krenkel ist das, was in Nordrhein seit Jahrzehnten Tradition hat, ein Paria (Duden: außerhalb jeder Kaste stehend). Der Autor dieser Zeilen hat vor vielen Jahren Herrn Krenkel erbittert bekämpft, daher spricht es für sich selbst, wenn ich hier neidlos zugestehe, daß es um unsere Sache in der Öffentlichkeit besser stehen würde, wenn wir mehr Kollegen wie Herrn Krenkel hätten. Es wäre also eine Sache von einer Minute Redezeit gewesen, die ganze Geschichte wiederzugeben.

Aber die Standesspitze in Nordrhein ist unfähig, an der Sache zu arbeiten, die alten Geschichten zu vergessen und die offene Diskussion zu suchen. Statt dessen gibt Herr Eßer vor, dass wir alle die Freiheit wünschen; im nächsten Halbsatz erklärt er diese für unerreichbar, um dann im nächsten Satz die seiner Ansicht nach einzig vernünftige Strategie kund zu tun. Und dann wundert er sich, daß sich niemand dazu äußert.

Informationen über den neuen BEMA hat angeblich niemand, aber wir als Versammlungsmitglieder und Opposition sollen Alternativen vorlegen.

In der Kammer setzt sich die inhaltliche Sprachlosigkeit und Leere eher noch zugespitzt fort. Der Kammerpräsident hat Europa auf seine Fahne geschrieben. Ausführlich berichtet er von Urteilen und Entscheidungen. Er übersieht aber, was in Europa in der Ärzteschaft konkret passiert. In Europa stimmen immer mehr Ärzte und Zahnärzte mit den Füssen über das jeweilige Gesundheitssystem ab. Es hat noch nie eine so große und stetig zunehmende Wanderungsbewegung von Medizinern innerhalb der EU gegeben. Nur durch die äußere und auch innere Emigration - in Deutschland fehlen schon heute mehrere Tausend Ärzte - können einige Regierungen zu Konzessionen gezwungen werden. So hat die englische Regierung die Steuern angehoben nur um mehr Geld ins Gesundheitswesen pumpen zu können. Kein Wort davon im Bericht des Kammerpräsidenten.

Für Nordrhein tut der Kammerpräsident alles, um die Abkehr der Kollegenschaft von der Kammer als ihrer Vertretung zu beschleunigen. Er erklärt eine Liste von Tätigkeitsschwerpunkten als genehmigt und meint, daß, wer weitere Tätigkeitsschwerpunkte durchsetzen wolle, das vor Gericht tun solle. Nach seiner Aussage liegen Anträge für 150 unterschiedliche Tätigkeitsschwerpunkte auf seinem Tisch. Es gibt weder eine Diskussion, geschweige denn eine Antragsvorlage im höchsten Entscheidungsgremium der Kammer, der Kammerversammlung, zu diesem Thema.

So kann man natürlich formal mit der Kollegenschaft umspringen. Aber man braucht sich dann auch nicht zu wundern, wenn die Kolleginnen und Kollegen alle Möglichkeiten suchen und nutzen, an derart verkrusteten und kollegenfeindlichen Strukturen vorbei neue Wege der vertragszahnärztlichen Tätigkeit zu etablieren.

So lange aber die Sicherung der eigenen Position innerhalb von Funktionärsgruppen Vorrang hat vor einem Neuanfang in Berufspolitik, wird weiter Sprachlosigkeit in den Versammlungen herrschen, Desinteresse und Gleichgültgkeit an der Basis und permanente Erfolglosigkeit in der Durchsetzung zahnärztlicher Interessen in der nationalen Gesundheitspolitik.