Die Würfel sind gefallenvon Dr. Werner Fuchs, KrefeldWer in den vergangenen Jahren die Gesundheitspolitik verfolgt hat, weiß, dass nach Vorarbeiten, wie sie jetzt durch das Sachverständigengutachten, durch den Runden Tisch und seine Zusammensetzung erfolgen, die Grundsätze der nächsten "Reform" des Gesundheitswesens gepflockt werden. Die Zahnärzte spielen nur noch eine Statistenrolle. Regel- und Wahlleistung gehen zwischen Rundem Tisch, den Ärzteverbänden und den Gutachten unter. Die Einzelpraxis ist ein Qualitätshindernis, mithin also nicht berechtigt, Honoraransprüche zu stellen. Die Berufspolitik ist paralysiert"Mehr Markt" soll durch Einkaufsmodelle über Evidence-based Medicine/Dentistry (EBM/EBD) durchgesetzt werden. Und die zahnärztliche Berufspolitik? Sie ist paralysiert. Sie hat keine Antworten, keine Alternativen. Selbst Herr Pischel, Chefredakteur der DZW, klingt kleinlaut und resignierend. KZBV und BZÄK sind unfähig, die Zahnärzte zu mobilisieren. Und die Basis? Sie spielt den Hasen und wird, wenn alles vorbei ist, nach Aktionen rufen. "Vorbei" ist allerdings schon jetzt oder spätestens am Abend der Bundestagswahl im nächsten Jahr. Und keiner soll dann sagen, er habe es nicht gewusst. Diese Generalausrede hat noch nie gegriffen. Fatalismus der zahnärztlichen BasisAls jemand, der im vorigen Jahrhundert noch mit Kollegen nach Bonn fuhr, um Herrn Blüm, den damaligen Gesundheitsminister "durch die Gasse zu schicken", weil der Modellguss um 20 Prozent abhonoriert wurde, der Info-Tage in Krefeld organisierte und die Praxis schloss, weil sich die Zahnärzte diese Zumutung von großkoalitionärer Gesundheitspolitik nicht bieten ließen, bin ich fasziniert von der Sattheit der zahnärztlichen Berufspolitik, aber auch vom Fatalismus der zahnärztlichen Basis, der schon mit orientalischem Gleichmut in Konkurrenz stehen könnte. Dieses Phänomen, gepaart mit völligem Desinteresse und fehlendem Empfinden für das, was derzeit tatsächlich passiert, wäre es wert, beobachtet und analysiert zu werden. Vielleicht kann so der Kampfgeist früherer Tage für die übernächste Reform - sie kommt bestimmt - reaktiviert werden. Vielleicht ist es aber auch die deutlichere Trennung von Basis und Funktionären, verschärft durch die absurden Gehälter und Bezüge, durch Übergangsgelder und Spesen der Zahnärzte in KZV- und Kammerämtern, durch die die Basis allein gelassen ist. Wer einmal die aktuellen Entschädigungskataloge für "Ehrenamtsträger" studiert, der versteht, warum Funktionäre immer weniger Zeit für Basisarbeit haben. Wenn die Basis nicht Druck macht, wird nichts andersDabei sind die Funktionäre auch nur Zahnärzte, wie wir von der Basis. Und wenn wir - als die Basis - nicht anfangen Druck zu machen und etwas tun, dann wird auch in Zukunft nichts anders. Aber offenbar gehört zu dem oben genannten Phänomen auch der Kollege an der Basis, der sich einrichtet, hinter vorgehaltener Hand die Einkünfte der Funktionsoberen beklagt, um im gleichen Atemzug die neuesten Tricks der Umgehung von Budget und Kassenvorschriften mit stolz geschwellter Brust zu verkünden. Wirtschaftlich und insbesondere betriebswirtschaftlich lassen sich die Zahnärzte, wie im vergangenen Jahrhundert während der "Bauherrenmodelllüge", voll über den Tisch ziehen. So, wie die Zahnärzte - und andere Berufsgruppen auch - damals meinten, Steuern zu sparen, und in Wirklichkeit zu völlig überteuerten Preisen sich selbst die Steuern stundeten, so glauben die Zahnärzte heute tatsächlich, dass ihr Einkommen zu ihrem Arbeitsaufwand immer noch in einem angemessenen Verhältnis steht. Sie merken nicht, wie sie - sehr zur Freude und besonders zum Profit anderer - sich selbst ausbeuten. Die Lethargie, das Desinteresse und die Gleichgültigkeit in Bezug auf berufspolitische Sachverhalte lassen meines Erachtens keine andere Interpretation zu. Kein Jurist, sei er Anwalt oder Richter, würde sich zu solch einer Lebenslüge ein zweites Mal hinreißen lassen. In der Zeit, in der die zahnärztlichen Honorare nominal, aber vor allem real abnahmen, wurde die Brago (der Bema und die GOZ der Juristen) mindestens zweimal netto signifikant erhöht. Man sieht: es gibt Bauherrenmodellgeschädigte, die lernen, es besser zu machen und die sich nicht mehr so einfach über den Tisch ziehen lassen. Die Zahl der Funktionäre steht reziprok zur Qualität der ZMKEs geht um Macht, um Kontrolle, um Einfluss. Es geht um die Funktion der Funktionäre, seien sie Zahnärzte, Kassenobere oder Politiker. Kein Land auf dieser Welt hat so viele Aufpasser, so viele Kontrolleure je Zahnarzt wie Deutschland. Und täglich kommen, siehe Gutachtermodell des DZV oder Zertifizierung nach ISO, mehr dazu. Der Masse an Funktionsträgern zufolge dürfte es in diesem unseren Land eigentlich gar keine Karies mehr geben und die Menschen müssten unsterblich sein. Tatsächlich steht die Zahl der Gutachter, Ehrenamtsträger, Kassenangestellten und politischen Ehrenamtsträger in reziprokem Verhältnis zur Ergebnisqualität der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Deutschland. Wollen die Zahnärzte heilig gesprochen werden?Und bei allem Gerede über Qualität, über EBM/EBD, Vorsorge und über unverzichtbare Leistungen geht es doch nur um die Verteilung einer bestimmten Summe Geldes. Dieser Verteilungskampf wird mit immer den gleichen Mitteln, wenn auch variiert, geführt. Leider haben die Zahnärzte die Rolle des Prügelknaben angenommen, der heutzutage nur noch Mitleid erregt, dem ein Platz am Katzentisch zugewiesen wird. Und wieder fasziniert mich, wie klaglos sich die Zahnärzte in ihr Schicksal ergeben. Vielleicht wollen sie ja heilig gesprochen werden. Eine weltliche Belohnung haben die Zahnärzte nicht zu erwarten. Man wird sie weiter prügeln, sie an den Rand drängen und mit ihnen spielen. Und mir bleibt die elegische Erinnerung an das Jahr 1992, als die Kassen gemeinsam mit Herrn Seehofer zitterten, wenn sie das Wort Zahnarzt hörten und die weiße Flagge schon halb aus den Fenstern des BMG hing, als Zahnärzte gemeinsam im Korb (Krefeld zu 74 Prozent gefüllt) den Ausstieg probten und wir gar nicht wussten, wie nah wir dem Ziel unserer Wünsche waren. Platz machen für die junge GenerationDas alles ist Vergangenheit. Die Zukunft muss von einer zahnärztlichen, jungen Generation gestaltet werden. Erst wenn diese berufspolitische Jugend aktiv wird und die Alten endlich den Weg frei machen, besteht vielleicht eine Chance, das Ziel zu erreichen. Die Wirtschaft zeigt, wie schwierig ein solcher Generationswechsel ist, oft genug erst nach Konkurs und Insolvenz. Die anstehenden Vorstandswahlen in den Körperschaften und den politischen Gruppierungen wären eine Möglichkeit, den Neuanfang zu wagen. DZW 25/01, S. 2 |