WAHLEN (in Nordrhein)von Dr. Werner Fuchs, KrefeldNach den Wahlen zur Vertreterversammlung der KZV stehen nun die Wahlen zu nicht weniger als 132 (in Worten einhundertzweiunddreißig) Ämtern, Funktionen und Positionen an. Nach dem Sturzbach von Eigenlob, Selbstbeweihräucherung, aber auch Unverbindlichkeit und Vernebeln der "regierenden" Standesvertreter, versuche ich an Hand von Eckdaten einiges zurechtzurücken und Alternativen zu diskutieren. In den letzten vier Jahren hat die Zahl der Zahnärzte in Nordrhein um netto 10 Prozent zugenommen - Tendenz steigend -, die Zahl der Versicherten blieb konstant mit der sicheren Prognose der signifikanten Abnahme in den nächsten Jahren. Die Grundlohnsummensteigerung hat in keinem Jahr auch nur die Inflation ausgeglichen. Dagegen sind die Praxiskosten durch Preiserhöhungen, durch staatliche Auflagen (BUS-Dienst et cetera) erheblich gestiegen. Die Zahnärzte haben in keinem Jahr am allgemeinen Wirtschaftsaufschwung teilgenommen. Durch das chaotische Jahr 1998 sind Verluste entstanden, die viele Zahnärzte erst in im letzten Jahr zum Teil wieder ausgleichen konnten. Der Anteil des zahnärztlichen Budgets am Gesamtkopf der GKV sinkt jährlich und erreicht nur noch mit Mühe die 8 Prozent. Wo also bitte gibt es auch nur einen meßbaren Erfolg in der zahnärztlichen Berufspolitik für die Zahnärzte? Kann es den bei diesen nicht beeinflussbaren Eckdaten überhaupt geben? Aber natürlich vergaß ich das Allerweltsargument der Standespolitiker. "Wir haben Schlimmeres verhindert!" Die Frage ist nur: Kann es eigentlich Schlimmeres geben? Legen die Eckdaten nicht a priori den Bewegungsspielraum der Zahnärzte fest? Glaubt irgendein Zahnarzt das Märchen, daß die Standesvertreter dieses Korsett auch nur lockern können? Hier können also im ersten Schritt nicht Kollegen in Ehrenämtern in der Kritik stehen, auch wenn diese ihre Bilanz als Folge ihrer eigenen herausragenden Fähigkeiten und ihrer Kompetenz verkaufen- Es sei darauf hingewiesen, daß - in Analogie zum stehenden Spruch von Univ.-Prof. Dr. Böttger, ehemals Direktor der Westdeutschen Kieferklinik an der Universität Düsseldorf, daß "jeder durchschnittlich intelligente Mensch Zahnarzt werden kann" - gilt, daß jeder durchschnittlich intelligente Zahnarzt jedes Ehrenamt innerhalb der Selbstverwaltung ausüben kann - Jedes. Interessanter sind die Widersprüche, die sich aus den Fakten und der Politik der Zahnärzte ergeben. Wieso sind es gerade die Kolleginnen und Kollegen, die sich zu den Gefragten, den Erwählten, den Berufenen, den Fähigen rechnen, die so klettenhaft an der GKV und ihren Ehrenämtern kleben und den freien Markt scheuen wie der Teufel das Weihwasser? Und dieselben, die an der Selbstverwaltung haften und damit Budget, Kontrolle, Abhängigkeit und Unsicherheit nach innen und außen vertreten, verkünden immer hemmungsloser geradezu archaische Prinzipien der freien Marktwirtschaft. Zitat aus einer Rede eines KZV-Vorsitzenden in der VV: "Also, wie man ihn noch besser schützen kann, das ist ein HVM für Schwache, den wir hier gemacht haben, wo möglichst viele Jung-, Klein- und Krankfälle berücksichtigt sind, und wie man das denn noch vorwerfen soll, weiß ich nicht. Denken Sie, das sage ich jetzt zum Abschluss, auch an die andere Seite, denken Sie mal an die Seite der kräftigen, gesunden und mittelalten Praxen, die bislang ohne Budgets auch keine Probleme hatten, weil sie ihr Leben ausleben konnten. Bis zu einem gewissen Punkt muss man diese Praxen heranziehen, aber irgendwo ist dann auch mal die Grenze, wo man sagen muss, wenn Du nur 120 Scheine hast, weil Du aus dem Mund riechst, unsympathisch bist oder sonst was, irgendeinen Grund hat es, warum man nur dauerhaft wenig Scheine hat, dann muß er damit zurechtkommen, aber ich kann hier nicht mein Geld zur Verfügung stellen, falls Du vielleicht PAR Spezialist wirst, nur um Deine Behandlungen auch zeitdeckend über acht Stunden zu strecken." Der gleiche Vorsitzende erklärt ein halbes Jahr später, daß ein Mindestumsatz von 1.750 DM Zahnarzthonorar pro Tag ein Muß darstellt und doch wohl niemand darunter liegt? Wären diese Standespolitiker konsequent und glaubwürdig, so dürften sie sich niemals zur Wahl für ein Ehrenamt stellen, sie müßten mit aller Vehemenz für die Abschaffung der GKV kämpfen, zumal jeder durchschnittlich intelligente Zahnarzt weiß, daß es eine Liberalisierung innerhalb der GKV (Regel- und Wahlleistung) aus politikkonsequentem, ideologisch dominiertem Denken gar nicht geben kann. In Parenthese: Politiker der Regierungskoalition haben in einem Gespräch, das Mitte 2000 geführt wurde, auf meinen Einwand, daß die Zahnärzte wirtschaftlich und beruflich immer mehr ins Abseits gedrängt werden, geantwortet: "Im Vergleich zu den Arbeitern bei VW, die einen neuen Tarifvertrag mit geringerer Arbeitszeit und geringerem Gehalt abschließen müssen, geht es den Zahnärzten doch noch hervorragend". Und mit dieser Politik glauben unsere Standesführer verhandeln zu können? Warum werben die Ehrenamtsträger, die ja über das "Herrschaftswissen" verfügen, nicht für den freien Markt, wo dann wirklich nur die Fähigen, die Fort- und Weiterbildungswilligen, die Engagierten und die sich der Ethik verpflichtet Fühlenden überleben? Warum haben die Standesfürsten nicht die Courage, die klare und knallharte Bilanz der zahnärztlichen Versorgung in diesem Land aufzumachen und in einer Öffentlichkeitsarbeit nach Innen zu erläutern? Ist es denn nicht so, daß unser Anteil am Kuchen der GKV nicht nur jährlich kleiner wird (s.o.), sondern zudem durch immer mehr Zahnärzte - Nordrhein kann noch ca. 1.700 Zahnärzte bis zur Zulassungssperre aufnehmen - und weniger Versicherte verwässert? Reicht es da mit dem Kommissar einer Landesregierung zu drohen? Ist der nicht genauso an die Eckdaten gebunden, die vom Bundesministerium für Gesundheit vorgegeben werden, wie die Zahnärzte auch? Warum machen es die Standespolitiker der Zahnärzte den Gesundheitspolitikern so leicht? Wissen Sie nicht, oder wollen Sie es gar nicht wissen, wie brüchig dieses 130 Jahre alte, marode und im Alltag häufig asoziale System der GKV ist? Im Ergebnis agieren wir in einem Labyrinth von Widersprüchen aus dem wir nur herausfinden, wenn wir nüchtern und mit externer Hilfe Soll und Haben aufschreiben und eine saubere Bilanz vorlegen, diese dann diskutieren und Konsequenzen schlußendlich beschliessen. Die Wirtschaft macht es in ihren Zyklen immer wieder vor.
Der entscheidende Unterschied zur Wirtschaft ist die Tatsache, daß sich die zahnärztliche Standesvertretung seit mehr als zwei Jahrzehnten bergab und rückwärts orientiert und damit jede Option verspielt, analog zur Wirtschaft durch Restrukturierung und den einen oder anderen harten Schnitt Perspektiven zu bekommen und wirtschaftlich zu prosperieren. Der zum Jahre 2002 neu zu entwickelnde BEMA wird, wenn nicht bald etwas passiert, die bestehenden Widersprüche festschreiben und verschärfen. Die GOZ wird dann nur noch das i-Tüpfelchen werden. Damit hier kein Zweifel entsteht: Es gibt keine Alternative zur Entlassung der Zahnärzte aus der GKV. Zufriedenheit im Beruf, Qualität der zahnärztlichen Versorgung, Weiterentwicklung des Berufsbildes Zahnarzt, weg vom Handwerkermodell hin zum Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten, wirtschaftlicher Erfolg; nichts von dem läßt sich in der GKV tatsächlich erreichen. Nur der freie Markt kann hier, besonders meßbar für den Patienten, das System bieten, daß diese Ziele erreichbar macht.
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