|
Wir Zahnärzte beschäftigen uns seit Jahren vorwiegend damit, wie wir uns neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen müssen und können. Diese Rahmenbedingungen sind, so unsere fast apodiktische Auffassung, Resultat einer sozialpolitischen, bis hin zu Neid und Missgunst reichenden Fehlentwicklung. Ausgehend von dieser einseitigen, immer kürzer greifenden Analyse reagieren wir mit permanent scheiternden Versuchen, Gesetze so wenig wie möglich umzusetzen. Das führt zu häufigen Gesetzesnovellen, zu immer stringenteren Vorschriften und weniger Autonomie für uns Zahnärzte. Wesentlicher Teil unserer "Überlebensstrategie" ist die Suche nach Schlupflöchern in Gesetzen, Verordnungen und Abrechnungsbestimmungen. Dabei hat sich das Bemühen, essentielle Fragen zu formulieren und Antworten zu finden, verschoben in Richtung auf kurzfristigen Aktionismus. Verschärft wird dieser circulus vitiosus durch den eskalierenden Kampf der Zahnärzte untereinander, in dem vom Staat zur Verfügung gestellten Topf Kassenhonorare - Stichwort HVM - die "besten Knochen" zu ergattern. In diese Falle, die nur eine der logischen Konsequenzen aus der eingangs aufgezeigten falschen Lagebeurteilung ist, tappen die Zahnärzte jedes Jahr auf's Neue. Dadurch vergessen wir mehr und mehr, was unser Beruf ist, und welche Interessen wir wirklich zu artikulieren und, wie jede andere Gruppe in diesem Staat auch, zu vertreten haben. Die Millionen-teuren "Lobby"-Konzepte, wie Berlin-Büro, DZV, pro dente und andere werden so lange nichts ändern, wie falsche Programme auf der Basis falscher Konzepte auf der Basis falscher Analysen beschlossen werden. Seit 1970 hat sich die Einzelleistungsvergütung real halbiert. Staat und Gesellschaft können bis heute nicht davon überzeugt werden, dass Zahnärzten ein höheres und damit angemessenes Honorar zusteht. Vielmehr sanken Zahnärzte in der Einkommensstatistik innerhalb der Ärzteschaft ins untere Drittel ab. Betrachten wir für einen Moment nicht die "neidische Gesellschaft", nicht die "ungerechte Politik", sondern unser Berufsbild, so muss ich, der einen Dentisten zum Vater hatte, konstatieren, dass unsere Tätigkeit in einem immer höheren Prozentsatz der des Dentisten früherer Zeiten ähnelt. Wir führen hauptsächlich handwerkliche Arbeiten aus. Selbst in der Chirurgie reduzieren wir unser Tätigkeitsfeld durch Einführung des Oralchirurgen auf Eingriffe, die auch ein Dentist beherrschte. Bema und GOZ stammen im Wesentlichen aus der Zeit, in der Dentisten zum Berufsbild gehörten, und bei der anstehenden Revision der Gebührenordnungen ist eine Änderung nicht zu erkennen. Demgegenüber stehen 50 Jahre Weiterentwicklung der Allgemeinmedizin, insbesondere der Schmerzbekämpfung mit ihren Erkenntnissen in der Anatomie, der Morphologie, der Diagnostik und Therapie. Eine dramatisch steigende Zahl von Patienten, die unter Schmerzen leiden, die nicht mit dem Handwerkermodell versorgt werden können, werden von Zahnärzten weder erkannt, geschweige therapiert. Vielmehr kommt es zu iatrogenen Schäden durch falsche, überflüssige und/oder inadäquate Behandlungen. Und es geht hier nicht um Raritäten für Lehrbücher, sondern um 20 bis 26 Prozent der Patienten. CMD-Patienten werden selbstverständlich sofort in die linear-kausale Denkschiene gepresst, heißt Schiene, Kronen und Brücken. Auch die von der Wissenschaft so bewunderte Toleranzfähigkeit des menschlichen Kausystems ist, wie die stetige Zunahme von Zuweisungen in Fachkliniken, Revision von Versorgungen und Gerichtsprozessen beweist, überfordert. Werden neue Lösungen für alte Probleme angeboten, so kommen sie, wie sollte es anders sein, aus dem "Handwerk", wie der Implantatboom beweist. Und für diese, nur noch rudimentäre ärztliche Tätigkeit, will und wird die Gesellschaft nicht mehr bezahlen. Die Analyse lautet so einfach wie deutlich: Zahnärzte bieten für die heutigen Bedürfnisse der Patienten Lösungen aus der Vorvergangenheit an. Auch der berechtigte Vorwurf, dass die Universitäten durch ihre einseitige Ausbildung und sträfliche Vernachlässigung jedweder allgemeinärztlicher Zusammenhänge für diese verhängnisvolle Entwicklung auch heute noch verantwortlich zeichnen, ist weder eine Entschuldigung noch eine Rechtfertigung für unser Tätigkeitsdefizit, schon gar nicht nicht vorhandene Abrechnungspositionen. Wir haben 30 Jahre lang bequem und satt im Handwerkermodell gelebt, haben uns auf Produktinnovationen beschränkt, haben wichtige Prozessinnovationen negiert, verschlafen, ignoriert. Und trotz zunehmender Einschränkung der Therapiefreiheit, abnehmender Einzelleistungsvergütung, mehr Prüfungen und Kontrollen halten insbesondere die Funktionäre in unserem Berufsstand an dem Tropf staatlicher Alimentierung GKV fest. Wissen diese Damen und Herren vielleicht schon, dass in einem System, in dem der Patient in eigener Verantwortung und mit eigenen Mitteln eine zahnärztliche Leistung erhält, das derzeitige System der zahnärztlichen Versorgung nicht mehr "marktfähig" ist? Es wäre aber das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass irgendwer den Markt auf Dauer manipulieren könnte. Wenn es in zehn bis 15 Jahren das Berufsbild Zahnarzt nicht mehr gibt, weil Dentalhygienikerinnen, Prothetiker nach holländischem Modell, Oralchirurgen und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen die zahnärztliche Versorgung unter sich aufteilen und allgemeinmedizinische Disziplinen mit heute schon erkennbaren Konzepten die ursprünglich originären zahnärztlichen Aufgaben integrieren, dann gehört der Zahnarzt, beschrieben im Zahnheilkundegesetz von 1952, der Vergangenheit an. |