Der Stand der Dinge läßt wirksame Proteste nicht zu

von Dr. Werner Fuch, Krefeld

Der Präsident der Bundeszahnärztekammer droht für das nächste Jahr mit verschärften Protesten gegen die derzeitige Gesundheitspolitik. Er will den Patienten vermehrt in diese Proteste einbeziehen. Der Patient soll stärker als bisher die Auswirkungen der Gesundheitspolitik zu spüren bekommen.

Frage: Wie können Proteste verschärft werden, wenn es bisher gar keine strukturierte, von allen Zahnärzten getragene Protesthaltung gibt? Wie läßt sich die "Einbeziehung" des Patienten in Proteste der Zahnärzte mit dem Arzt-Patienten Verhältnis vereinbaren?

Kein Konzept - keine Perspektive

Es gibt Ende 1999 eine unübersehbare Anzahl und Vielfalt von Vereinen, Initiativen, Stammtischen und Verbänden. Zig Millionen werden dort für Aufwandsentschädigungen, Leporellos und Veranstaltungen umgesetzt. Die Bilanz ist für den größten wie den kleinsten Verein die gleiche. Es gibt keine koordinierte Protestpolitik. Es gibt kein gemeinsames Konzept, keine einheitliche Perspektive, ja nicht einmal eine gemeinsame Diskussionskultur. Dabei ist die Welt der Zahnärzte banal und in zwei Teile geteilt.

Die eine Hälfte präferiert jede Form der staatlichen Alimentierung, ganz gleich zu welchem Einzelleistungshonorar. Diese Hälfte ist extrem anpassungsfähig, hält wenig von Fortschritt in der zahnärztlichen Versorgung, lehnt jede fachliche Konkurrenz ab. Diese Gruppe hofft auch weiter, mit dem Glaubensbekenntnis überleben zu können: "Wer hat denn diesen Mist gemacht?"

Die andere Hälfte ist fortschrittlich, begeistert von der Tätigkeit als Zahnarzt, interessiert an neuen Erkenntnissen und Methoden und ziemlich naiv. Sie lehnt Engagement in der Berufspolitik als ordinär und Zeitverschwendung ab.

Im Ergebnis kann ein Präsident der Bundeszahnärztekammer, ohne daß er zum sofortigen Rücktritt gezwungen wird, ungeniert den Patienten, das schwächste Glied der Kette, das nun wirklich keine Möglichkeit hat und haben muß, unsere Sache zu vertreten, zum Instrument der Lobbyarbeit der Zahnärzte machen. Welche Selbstgefälligkeit, welch eine Menschenverachtung! Welch ein Berufsethos!

Wer heute über einen Internetanschluss verfügt, weiß, welche großartigen Optionen geboten werden, wie die Welt wirklich nur einen Mausklick entfernt ist, wie Informationen und Wissen über Länder und Kontinente ausgetauscht werden können. Davor haben die Berufsvertretungen, die laut FRONTAL aus vordemokratischer Zeit stammen, offensichtlch bis zur Paranoia reichende Angst. Jeder Versuch, Patienten, die sich im Netz oder den konventionellen Medien über Behandlungsmethoden informiert haben, Hilfe anzubieten, wird als Werbung denunziert. Mit mittelalterlichen Methoden wird jeder Versuch der fachlichen Öffnung der Zahnärzte hin zum Patienten unterbunden. Der Patient soll eben nicht der informierte "Freund" im Sinne des "philia" sein (s.a. DZZ, 54/99 S.424 ff.), sondern Kanonenfutter für die undurchsichtigen, nicht demokratisch entwickelten und bis zur Unkenntlichkeit verbogenen Programme einzelner Standesfürsten herhalten.

So kann man sich über das Berliner Gesetzeschaos trefflich echauffieren. Die Gesetze der letzten 17 Jahre sind die logische Antwort auf das selbstgefällige, statische und egoistische Verhalten und Denken der Zahnärzte.

Revolution der Zahnheilkunde

Um Deutschland herum findet die zweite zahnärztliche Revolution statt. Nach der erfolgreichen Einführung der Prophylaxe in Ländern wie den Niederlanden, den USA oder der Schweiz, prägt heute und in der Zukunft der Begriff der "minimal-invasiven Zahnheilkunde" Denken und Handeln der ZMK. HMOs, Klinikverbund, Praxisketten, Dienstleistung sind die Schlagworte des nächsten Jahrzehnts. In Deutschland wird dagegen weiter für ca. 35 Milliarden DM/Jahr Zahnheilkunde der 70er Jahre mit einer Honorarordnung der 60er Jahre und einer Berufsvertretung der 30er Jahre angeboten.

Ende 1999 existiert nicht einmal eine bundeseinheitliche Kinder- und Jugendprophylaxe an Schulen, Kindergärten, Universitäten, der Bundeswehr etc. Und das ist nicht die Schuld der Gesundheitspolitik, sondern die der ewig Gestrigen in den eigenen Reihen, die es sich so richtig schön bequem in der Zahnheilkunde des Biedermeier gemacht haben.

Ende 1999 arbeitet der deutsche Zahnarzt, ohne zu mucken, für ein Honorar, das selbst 1970 nominal höher war als heute. Die Gebührenordnung stammt aus dem Jahre 1965 und wurde "kostenneutral" für Privatpatienten 1988 "umgestellt", während sich für 95% der Versicherten seit 1965 nichts geändert hat.

Es ist also konsequent, wenn jeder Versuch der Liberalisierung erstickt wird, wenn Kammern und Kassenzahnärztliche Vereinigungen (KZV) ihre Existenzberechtigung mit Zähnen und Klauen verteidigen. Auf dem freien Markt hätten sie keine Überlebenschance - im Gegensatz zu den praktizierenden Zahnärzten, die dann endlich ihr in aufwendigen Fort- und Weiterbildungskursen erlerntes Wissen umsetzen könnten, weil sie ihre Patienten darüber informieren könnten und ein angemessenes Honorar fordern dürften.

Solange sich also 95 Prozent der niedergelassenen Zahnärzte von 5 Prozent "Berufsvertretern" den Bären einer Interessenvertretung aufbinden lassen, dafür Millionen an "Aufwandsentschädigungen" abpressen lassen, solange ist jede Kritik an einer verfehlten Gesundheitspolitik unangebracht.

Zähnärzte müssen durch Tal der Erkenntnis

Die Zahnärzte werden durch das tiefe, tiefe Tal der Erkenntnis kriechen müssen, um zu erkennen, daß nur eine auf modernen Erkenntnissen basierende Dienstleistung Zahnheilkunde, die sich freiwillig zu einem einheitlichen Berufsverband zusammenschließen kann, an der Weiterentwicklung der zahnärztlichen Versorgung wird teilhaben können. Nur wenn wir öffentlich und transparent über Einkommen, Modellpraxis, Verpflichtung zur Fort- und Weiterbildung, Information der Patienten usw. diskutieren, wenn wir lernen Kompromisse zu schliessen und verläßlich umzusetzen, dann wird allfällige Kritik an anderen Berechtigung und Wirkung haben. Bis dahin sollten wir, jeder für sich, zu einem Besen greifen und vor und ggf. auch in der eigenen Berufsvertretung kehren.

Dr. Werner Fuchs, Krefeld

Dr.Fuchs.Krefeld@t-online.de