Noch'n Verein oder Des Kaisers neue Kleider
von Dr. Werner Fuchs, Krefeld
Jetzt ist es amtlich in Nordrhein. Ein neuer Verein soll gegründet werden. Endlich soll Demokratie von unten nach oben installiert werden. Ein Ruck soll durch das Land gehen.
Frage: Was hatten wir dann die letzten 40 Jahre in Nordrhein? Da gab es doch den Freien Verband Deutscher Zahnärzte - die wirkliche Vertretung der Zahnärzte - mit einem Organisationsgrad gegen 40% in Nordrhein, einer etablierten Funktionärsstruktur, Büro, guter finanzieller Ausstattung, einer ausgearbeiteten Satzung und einer bundesweiten Verbreitung. Warum also ein neuer Verein?
In Nordrhein hat sich in den letzten 10 Jahren eine teilweise professionell organisierte lokale Initiativenkultur entwickelt. Diese Initiativen, die streng lokal beschränkt sind, haben nicht nur eine Satzung, Vorstände, teilweise auch eigene Büros, monatlich erscheinende Nachrichten, Fortbildungsveranstaltung, Materialeinkaufsgemeinschaften. Sie organisieren Fortbildung, eigene Qualitätszirkel, bieten Patientenberatung an und tagen mit reger Teilnahme der Mitglieder einmal im Monat. Hier wird zusammengeführt, was bisher nicht zusammengeführt werden konnte. Warum also dieser neue Verein?
Die Konstrukteure des neuen Vereins sind bekannte Funktionsträger der Körperschaften und des FVDZ. "Wer soll es denn auch sonst machen?" Schließlich braucht man für die Vereinsgründung erfahrene Kollegen:
Merke: "Jeder durchschnittlich intelligente Mensch kann Zahnarzt werden" (Prof.Dr.H.Böttger, 1973, erste Vorlesung, erstes Semester), aber noch längst nicht jeder Zahnarzt kann einen Verein gründen. Wie machen das eigentlich die Millionen ohne akademische Ausbildung? - Kaninchenzüchter, Wanderfreunde....? Warum also dieser neue Verein?
Es gibt sogar einige "Quertreiber", die wagen es nach dem Programm oder den Zielen dieses geheimnisumwitterten Vereins zu fragen. Aber, aber liebe Kollegen, nicht doch, nicht doch. Hier soll doch der Paukenschlag, der Blitzerfolg, die große Überraschung erfolgen, die das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Panik und Hilflosigkeit versetzen wird. Wichtig ist doch der Verein, die Beiträge, die Power-Point-Präsentation, die Leporellos, die Flyer und nicht zu vergessen, die Abbuchungsgenehmigung im Aufnahmeantrag. Diese wochenlange Arbeit, für die Urlaube gestrichen wurden, Nächte verhandelt wurden, ist doch wohl Grund genug Mitglied dieses Vereins zu werden?! Programm, Konzept, Idee, Ziel??? Das kommt später. Schöne neue Vereinswelt.
Und was macht die Basis? Die von unten? Die gequälten und frustrierten Kolleginnen und Kollegen, die, so ein Manager einer namhaften Firma, auf der IDS in Köln nur agressiv, verbittert und enttäuscht die Stände heimsuchten? (Die Firmen sollen, so dieser Manager, Mühe gehabt haben, die an den Ständen geklauten Gegenstände über Nacht zu ersetzen!)
Diese Zahnärzte haben trotz intensiver Suche kein Schlupfloch mehr entdeckt, keinen Weg sich an der Realität vorbeizumogeln. Liebgewordene Anpassungsrituale an Gesetzesreformen - heute ein bißchen mehr PAR, morgen dafür ein paar Implantate, oder dürfen es zwei Teleskope zusätzlich sein? - greifen im nächsten Jahr nicht mehr.
Völlig hilflos reagieren die Zahnärzte auf das Wegbleiben der Patienten. Lücke ist wieder in. Der deutsche Patient paßt sich den EU-Verhältnissen an.
Also her mit einem neuen Verein. Koste es was es wolle. Programm? Um Gottes Willen, nur das nicht. Schlupflöcher sind gefragt. Wie hebele ich das Gesetz aus? Schön verpackt heißt das dann: Wir wollen alle zueinander stehen. Wir sind die Zahnärzte. Jetzt ist Solidarität gefragt. Natürlich nur bis zum nächsten Notdienst, wo dann schon mal die ein oder andere prothetische Planung "herausrutscht". Denn: "Wer hat denn das verbrochen?"
Es gibt gar nicht genug Zynismus und Ironie um diesen Wahnsinn, der die Kollegenschaft in Nordrhein umtreibt, zu charakterisieren. Da ist es nur das Tüpfelchen auf dem i, daß die Kollegen dafür auch noch Beiträge bezahlen.
Für Soziologen und Psychologen läuft hier mutmaßlich ein Lehrstück ab, wie Gruppendynamik verbunden mit ein paar in Rhetorikkursen erworbenen Überredungstricks tumbe Massen bewegen.
So erfrischend sich diese Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern im Märchen liest, so erschreckend banal erscheint sie in der konkreten Realität. Warum also dieser neue Verein? Weil einige Kollegen sich bereichern? Selbst wenn, ist das uninteressant und unwichtig!
Vereine werden zur Droge. Immer mehr, immer häufiger sollen Vereine, Initiativen und Verbände das ersetzen, was eigentlich im Kopf eines jeden Zahnarztes passieren müsste. Präzise Analyse, hinter verschlossenen Türen ein Ziel definieren und die dazugehörige Strategie beschliessen, dafür in den eigenen Reihen eine Mehrheit suchen und dann mit professioneller Unterstützung an die Politik treten um für die Politik zu werben.
Wir Zahnärzte bekommen genau die Gesetze, die wir verdienen. Ich bin gespannt, wann die ersten Oberschlauen mit den heißen Mogeltricks versuchen - natürlich zu Lasten der übrigen Kollegen - das Reformgesetz 2000 "anzupassen". Bisher hat das doch immer alles noch prima geklappt!??
Dr. Werner Fuchs, Krefed
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