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Da hieß es kürzlich in einer Wirtschaftszeitschrift "Rette das System und kill’ den Arzt". Diese pointierte Forderung gibt neben Zynismus die Unfähigkeit der Ärzte wieder, mit den Herausforderungen des Gesundheitssystems fertig zu werden. Dabei sind es vor allem zwei Themen, die der zahnärztlichen Berufspolitik und vielen Zahnärzten den Hals brechen werden, wenn nicht schleunigst neu gedacht wird. Seit Jahren führen die Zahnärzte eine unstrukturierte, chaotisch organisierte, ohne jedes Ziel definierte Diskussion über die Qualität. Heraus kommen DIN-Normen zur Kronenrandpräparation, stundenlange Wiederholungen von geradezu mythischen Beschwörungen (das Goldinlay, die Krönung zahnärztlichen Schaffens), Marketingkonzepte (Wie jage ich meinem "kollegialen" Nachbarn Patienten ab) und hypertrophe Ansprüche, wie "Zahnarztunternehmer". Die deutschen "in vitro"-Universitäten mit ihrer "in vitro"-Forschung haben keinen Bezug zur Praxis außer, daß sie, vor Häme triefend, sich brüsten, verkorkste Arbeiten der niedergelassenen Zahnärzte mit letzter Anstrengung gerettet zu haben. Daß von etwa 1.500 Hochschullehrern an 36 Hochschulen, wenn überhaupt, der hundertste Versuch zu Biege- und Bruchversuchen von Brücken oder Endoinstrumenten wiederholt wird, innovative Privatdozenten weggeekelt werden, im übrigen wissenschaftlich "tote Hose" herrscht, wird tunlichst unter den Talar gekehrt. So eine C4-Stelle ist eben mit Fortschritt unvereinbar. In dieses Vakuum wird, wie in ein schwarzes Loch, eine Qualitätsdiskussion "gesogen", die nur noch als Wahnsinn angesprochen werden kann. Der §135 SGBV ist ein erster Höhepunkt. Die zeitliche Gewährleistung auf eine zahnärztliche Leistung ist unsinnig. Und diese "Qualitätsleistung" auch noch mit einen Honorar zu verknüpfen, ist einfach grotesk. Möglich ist eine solche Vorschrift, weil die Kernfragen zur Qualität nicht gestellt werden und das Zentrum aller Qualitätsdiskussion weiträumig umgangen wird. DER PATIENT in seiner Komplexität, seinen Ängsten, seiner allgemeinen Gesundheit, seinen Risikofaktoren, seinen Wünschen, seiner Mitarbeit und seinen Anlagen ist und bleibt für Forschung, Lehre und Praxis ein unbekanntes Wesen. Er findet einfach nicht statt. Konsequent wird auch die wichtigste Frage, ob eine zahnärztliche Therapie, wissenschaftlich begründet, die Lebensqualität eines Patienten in ihrer Gesamtbilanz verbessert, ausgeklammert, negiert. Ein Schweizer Hochschullehrer stellt die Behauptung auf, daß nur 25% der zahnärztlichen Maßnahmen im Sinne dieser Frage begründet sind. Finden wir nicht bald Antworten auf diese Fragen - die IFW in Basel wird vielleicht ein erster, qualifizierter Beitrag sein - so werden unsere Interessengegner genüßlich in das von uns erzeugte Vakuum vorstoßen und Qualität in ihrer verqueren, ideologisch degenerierten Logik definieren. Die Ursache für diese Entwicklung liegt aber eindeutig bei allen Zahnärzten, ob in Hochschule oder Praxis. Die Mengenthematik verstärkt nicht nur das Desaster um die Qualitätsdiskussion, es gibt dem Wahnsinn erst Profil. Seit 1982 sinken die Honorierungen der zahnärztlichen Leistungen. Wir haben heute nominal das Niveau von 1977 erreicht, mit weiter fallender Tendenz. Die Behandlungskapazität hat sich aber weit mehr als verdoppelt, da die Zahnärzte in ihrer wirtschaftlichen Blindheit die Selbstausbeutung zum Credo betriebswirtschaftlichen Denkens erhoben haben. Große Praxen, viele Behandlungseinheiten, so viele Mitarbeiter je Zahnarzt, wie nirgendwo auf der Welt, arbeiten rund um die Uhr zu jedem GOZ- und/oder BEMA-Satz. All das erinnert mehr an ein Denken von Kindern, die beim Autoquartett mit Hubraum und PS protzen. Daß dieses infantile Denken und Handeln nicht nur jede Lebensqualität tötet, sondern zu einer hausgemachten Hyperinflation zahnärztlicher Leistungsangebote führen muß, ist zwangsläufig. Jede Marktfrau begreift sofort, was dieses inflationär aufgeblasene Leistungs- und Warenangebot bedeutet. Der Wert der einzelnen Leistung verfällt. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt auch die Betrachtung von DAZ und Anderen zum Einkommen von Kieferorthopäden eine andere Bedeutung. Die Honorarverluste der Zahnärzte sind daher nur in den Augen an Posten klebender Berufspolitiker alleine auf die bösen Gesundheitspolitiker zurückzuführen. Wie heißt es doch unter Wirtschaftsexperten landauf, landab: "Der Zahnarzt, der über Kenntnisse des Dreisatzes verfügt, ist seltener, als die Nadel im Heuhaufen." Ganz besonders geschickt kommen sich die Kollegen vor, die die Zahnheilkunde mehr als "Wellness-Dienstleistung" verstehen, weil sie durch diesen Kunstgriff glauben, endlich den Fesseln staatlicher Aufsicht über Honorarordnungen entgehen zu können. Wie kurzsichtig, wie dumm, wie einfältig. Ich sehe das breite, zufriedene Grinsen bei Kassenfunktionären und Gesundheitspolitikern. Denn jetzt schnappt die Falle endgültig zu. Jetzt kann man die Zahnärzte degradieren, da für Wellness keine Hochschulausbildung nötig ist. Teilbereiche der zahnärztlichen Tätigkeit können ausgegliedert werden. Aber viel wichtiger: Die Honorarabsenkungen können jetzt wesentlich leichter begründet werden. In den Niederlanden und in Österreich gibt es bereits den Prothetiker, der Zahnersatz plant, anfertigt und eingliedert; in Holland ausgebildet an der Fachhochschule Utrecht in acht Semestern. Und der darf auch in Deutschland planen, anfertigen und eingliedern. In Dänemark und der Schweiz dürfen DH’s (ZMF) in eigener Praxis arbeiten, wie Krankengymnasten. Schließlich hat Deutschland eine lange Tradition des "Nicht-Hochschul-Zahnarztes". Dentisten gab es bis 1952. Sie wurden in die akademischen Zahnarztkreise eingemeindet, weil sie eine grosse Konkurrenz für die "akademischen Brüder und Schwestern" auf dem prosperierenden Gebiet der Prothetik darstellten. Wer oder was sollte den Staat, der nur auf Lohnnebenkosten und Globalisierung fixiert ist, daran hindern, in diese Mottenkiste zu greifen? Von unserer hausgemachten Inflation zahnärztlicher Therapieangebote profitieren alle:
Einen habe ich wohl vergessen. Ach ja, die Zahnärzte. Denen fällt vereinzelt auf, daß etwas nicht stimmt, aber sie reagieren monoton, wie einfältig. Sie "erhöhen die Umdrehungszahl", belegen noch einen Marketingkurs und hoffen..., auf was auch immer. Alle Jubeljahre wird ein Tag heftig öffentlich protestiert und das war’s dann auch. In der übrigen Zeit schottet man sich ab, sucht den Königsweg aus der Krise - hoffentlich merkt der Kollege nebenan nichts - und gibt sich nach außen souverän, alles im Griff. Offensichtlich verwechseln die Zahnärzte immer noch Hase und Igel. Logisch, daß das Solidaritätsgeschwafel des großen Berufsverbandes nur der eigenen Existenzberechtigung dient. Solidarisches Verhalten hat es in diesem Verband noch zu keinem Thema, zu keiner Forderung, und zu keiner Zeit gegeben. Und heute? Selbst wenn die Zahnärzte, alle 85.000 an der Zahl, geschlossen protestieren würden? Wen würde das zu Was bewegen? Dieses vernichtende Testat ist aber nicht das Ende und schon gar nicht die Hoffnungslosigkeit. Im Gegenteil. Die Lösung ist eben nicht kollektiv. Kleine Qualitätszirkel im Dialog mit engagierten Wissenschaftlern können auf lokaler Ebene die Initiative an sich ziehen und das Vakuum füllen. Die IFW kann Rahmenbedingungen für eine Patienten zugewendete und Praxis orientierte Qualitätsdiskussion schaffen. Auch ohne den großen Berufsverband, der Solidarität beschwört, aber noch nie eine bundesweite Aktion bundeseinheitlich durchgezogen hat, ohne den kollegialen Nachbarn ("Ich würde sofort etwas verändern, wenn ich sicher wäre, daß alle Kollegen am Ort mitziehen") kann jeder die ersten, entscheidenden Schritte erfolgreich gehen. Die höchstpersönliche, schonungslos offene Revision im Sinne dieser Inflationsthese und die zwangsläufig folgende Reorganisation in jeder einzelnen Praxis eröffnet in der Gesamtbilanz die Chance, die eigene Lebensqualität und die der Familie signifikant zu verbessern. Dr. Werner Fuchs |