Der Kassenzahnarzt-Epilog

Gastkommentar von Dr. Werner Fuchs (Krefeld)
in DZW 30-31/98

Die Zahnärzte werden als Abzocker denunziert. Herr Seehofer kann ungestraft von 30 Prozent Falschabrechnern reden. Herr Seehofer droht, die Honorarbindung über das Jahr 2000 zu verlängern. Beihilfeberechtigte werden mit einem Schwellenwert vo 1,7 bis 1,86 beschenkt. ZE geht um etwa 20 Prozent in 1998 zurück. Wenn der Punktwert auf 1,07 DM abgesenkt wird, entfährt den Kollegen allenfalls ein "Hoppala".

Und was tut der Kassenzahnarzt? Der eine bohrt etwas länger und rechnet wohl auch im Einzelfall (?) etwas länger ab. Der andere sucht die Lücken im System oder verschafft sich Wissen, das vermeintlich nur er besitzt. Wieder andere suchen ihr Heil als "Pöstchenjäger" in den Körperschaften in der Hoffnung, durch Karriere, Bezüge und Kontakte ein zweites Standbein zu bekommen.

Und der Rest? Das sind die Dummen. Die einen glauben: Es wird ja doch nicht so schlimm. Andere meinen, wenn sie das Problem nicht ansprechen, trifft sie es auch nicht. Wieder andere meinen, wenn erst einmal 20 Prozent der Praxen pleite sind, geht ein Ruck durch Kollegenschaft und Bevölkerung - ich höre die Altvordern bereits: "Wenn wir erst einmal 1.000.000 Arbeitslose haben, dann, ja dann ...". Wieder andere sind sich ganz sicher: Im Herbst kommen die Patienten, die sich jetzt HKP’s haben schreiben lassen, um die prothetischen Arbeiten machen zu lassen. Und die meisten sind sich sicher, daß sie überleben werden, weil die anderen in ihrer Nachbarschaft sowieso nur Mist fabrizieren.

Wahrscheinlich sind sie wirklich die Dummen. Sie schimpfen auf ihre Vertreter, wählen sie aber. Der Begriff HVM (Honorarverteilungsmaßstab) wird zu den Zauberbuchstaben. Kein Modell ist grotesk und lächerlich genug, um den hehren Anspruch der Gerechtigkeit zu erfüllen.

Wer sich die Mühe macht, den einen oder anderen HVM zu entziffern, weiß, daß unter dem Strich nichts wesentlich anderes als ein nach unten floatendes Einkommen resultiert. Aber nur nicht denken, nur nicht darüber reden.

Es kommt mir so vor, daß eine geradezu panische Angst die Kollegenschaft befällt, auch nur die Fakten aufzuzählen. Denn diese Aufzählung und natürlich ihre Konsequenzen würden zwangsläufig zu der an sich richtigen Diagnose führen: Das System Kassenzahnmedizin ist tot. Und alle Maßnahmen stellen nur den absurden Versuch dar, einen Toten am Leben zu erhalten.

Aber Tote sondern Leichengift ab. Und Leichengift tötet. Und dieses besondere Leichengift tötet unkontrolliert alles, was sich in der Umgebung des Toten aufhält, auch die Ethik, die Qualität, die hippokratische Idee, das Vertrauen der Patienten in die Medizin, den Fortschritt, die Solidarität.

Der Kassenzahnarzt ist also tot. Was ist die Alternative? Es lebe der Kassen-Subunternehmer. Der Braucht keine Ethik, kein Vertrauen und keine Solidarität. Der eine ist gerissen, skrupellos, verkauft sich blendend, kann mit Zahlen umgehen, beschafft sich Aufträge professionell. Der ist angepaßt, stromlinienförmig und paßt perfekt in den Zeitgeist. Er fällt nicht auf, muß nicht für eine Sache einstehen. Er hat eben ein Arztgeschäft.

Er ist aber auch austauschbar. Er bekommt die Preise vorgesetzt und darf nur noch nicken. Er lebt in ständiger Unsicherheit, ob er seine Abschlagszahlung bekommt, und wenn ja, in welcher Höhe. Betriebswirtschaft wird zum Lebensinhalt. Gewinnmaximierung wird das Ziel. Vielleicht ist das wirklich die Zukunft der zahnärztlichen Versorgung. Hoffentlich nicht.