Dr. Werner Fuchs, stellvertretender Vorsitzender von WZN, hat in einem bewußt provozierenden Artikel in der DZW 21/98 versucht, die Kollegenschaft wachzurütteln.

Wozu haben wir noch Kammer und KZV ?

Seit Beginn der achtziger Jahre drehen sich die Zahnärzte, besser die Funktionärsnomenklatura, im Kreis. Und obwohl viele Politiker und Verfassungsjuristen versucht haben, den Weg zu weisen, Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen, bleiben die Zahnarztfunktionäre stur und unbelehrbar.

Das Gutachten von Prof. Dr. Zuck aus dem Jahr 1992 hat sehr deutlich und auch für Zahnärzte verständlich wichtige Eckpunkte beschrieben. So müssen wir Zahnärzte zur Kenntnis nehmen, daß der Begriff "Freier Beruf" ein rein sozialer Begriff ist, der keine rechtliche Bedeutung hat. Wir müssen begreifen, daß das Bundesverfassungsgericht in fortgesetzter Rechtsprechung dem Staat nahezu unbeschränkte Kompetenz einräumt, um die zahnärztliche Versorgung sicherzustellen. Es nimmt also nicht wunder, daß die Zahnarztfunktionäre zwar immer lautstark Forderungen stellen und den praktischen Zahnärzten das Blaue vom Himmel versprechen, aber seit mindestens 16 Jahren nicht nur vor die Wand laufen, sondern wie Kinder in der ersten Trotzphase gegen die Wirklichkeit wehren.

Die Realität ist aber komplex und mühevoll und verlangt vor allem eine Eigenschaft, die die Zahnärztefunktionäre vermissen lassen: Verantwortung tragen. Es mag mißverständlich klingen, aber der Korb war das Beispiel schlechthin, wo die unüberbrückbare Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Funktionärsnomenklatura, zwischen den praktischen Zahnärzten und den Zahnarztfunktionären und zwischen Zahnärzten und Politik zum Ausdruck kam. Der Korb war die Möglichkeit, dem Staat zu beweisen, daß die Zahnärzte ohne Kassen und Aufsichtsbehörde, wie in vielen anderen Ländern auch, den Sicherstellungsauftrag übernehmen können. Statt dessen wurde der Korb mißbraucht, um innerhalb des "warmen Bettes Krankenschein" mehr Geld zu fordern, weniger Kontrolle und bequemere Abrechnung. Es war also die Fortsetzung der unseligen Entwicklung, die, so auch das Magazin Frontal (ZDF), aus vordemokratischer Zeit stammt. Diese Auseinandersetzung, die nur zwischen Kassen- und Zahnarztfunktionären seit der Weimarer Republik auf dem Rücken der praktischen Zahnärzte ausgetragen wird, kostet die Zahnärzte Geld, verschlechtert die zahnärztliche Versorgung der Bevölkerung und verschleudert Millionen für eine Funktionärsnomenklatura, die völlig inkompetent und unfähig nur noch in den eigenen Zirkeln personelle Auseinandersetzungen führen kann. Zum Beweis empfehle ich einen Blick in die Mappe zur Vertreterversammlung (VV) der KZV Nordrhein am 9. Mai 1998.

Seit sechs Jahren testet Herr Seehofer die Leidensfähigkeit der Zahnärzte. Er kürzt die Honorare, er beschneidet die Kompetenzen, er stärkt die Kassen und er unterstützt unverhohlen eine ungeheuerliche Hetz- und Neidkampagne gegen die Zahnärzte. Die Zahnarztfunktionäre haben naturgemäß immer nur eine Antwort: "Wir haben Schlimmeres verhindert."

Und was machen die praktischen Zahnärzte? Sie leiden. Sie leiden mit einer Inbrunst und Ausdauer, die nur Staunen und Ratlosigkeit hervorruft. Da werden ZE-Honorare gekürzt und eingefroren. Völlig absurde HVMs werden ertragen, ja sogar gefordert - siehe Mappe VV KZV NR. Daß im 2. NOG bei vielen Positionen eine Honorarkürzung bis 35 Prozent erfolgt, wird gar nicht mehr zur Kenntnis genommen.

Daß nachträglich Honorare mit kuriosen Schlüsselformen gekürzt werden, stört die Zahnärzte genauso wenig wie der Umstand, daß die Nomenklatura trotz Wegfall großer Aufgabengebiete keine Anstalten macht, sich zahlen- und entschädigungsmäßig den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Vielleicht sind es Eitelkeit und Scham, die die Zahnärzte daran hindert, zuzugeben, daß es finanziell eng wird, daß Existenzen in Gefahr sind, da0 unser Einkommen seit Jahren im entferntesten dem entspricht, was sogar SPD-Minister (so der ehemalige Sozialminister Heinemann, der den Zahnärzten ein der Beamtenbesoldung A16 entsprechendes Einkommen zusprach) uns zubilligen. Klar ist jedenfalls, daß nur die praktischen Zahnärzte, die Basis, etwas in Bewegung setzen kann und muß. Nur die Basis kann, angefangen in kleinen organisierten Zirkeln und Vereinen, sich finden und solidarisieren. Nur die Basis kann die richtigen Forderungen formulieren und dafür kämpfen. Die zahnärztliche Versorgung verträgt eben nicht eine unkontrolliert wachsende Zahl von Praxen und Zahnärzten. Ein Verhältnis von 1:2.000 bis 1:2.500 trägt der modernen prophylaxeorientierten Zahnheilkunde Rechnung. Deshalb kann es nur die Forderung geben, daß die Hälfte der vorklinischen Einrichtungen der Universitäten geschlossen werden müssen.

Nur, die Basis muß sich endlich bewegen, den Hintern lüften und aus der inneren Emigration ausbrechen. Es ist ein tödlicher Leichtsinn und ein bornierter Luxus, die Sorgen und Nöte abzuschieben. Wozu haben wir Kammer und KZV? Wer immer noch nicht begreift, daß unsere Anliegen da verraten und verkauft sind, der muß eben die schiefe Ebene weiter rutschen und darf sich nicht beklagen, wenn er aus dem System ausscheidet. Daß es auch anders geht, kann auch demonstriert werden. Es ist eben mühsam und verlangt persönlichen Einsatz, weniger Freizeit und Willen zu Kompromiß und Offenheit, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und zu akzeptieren, daß da draußen noch andere Zahnärzte sind, mit denen man selbst zusammengehörig ist, die auch gute Zahnheilkunde täglich wollen und anbieten. Wie Prof. Dr. Walther so richtig formuliert: "Die Dinge finden zuallererst im Kopf statt!"

Richtig ist nämlich, daß wir Zahnärzte ohne Kassen und Aufsichtsbehörde - und auch ohne Nomenklatura - den Sicherstellungsauftrag übernehmen können. Richtig ist auch, daß wir Zahnärzte ein hohes soziales Verantwortungsbewußtsein besitzen und jeden Tag unter Beweis stellen. Und richtig ist auch, daß wir Zahnärzte der Bevölkerung und dem BMG unsere Einkommensansprüche nachvollziehbar erläutern und vertreten müssen. Die zahnärztliche Versorgung ist ein in der Verfassung eingebetteter Teil dieses Rechts- und Staatssystems. Nur unsere Kompetenz, Verantwortung und Verläßlichkeit zusammen mit unserer Bindung an die Verfassung und deren Sozialbindungsklausel kann unseren "Freien Beruf" rechtfertigen und erhalten.

Fest auf diesem Fundament stehend können wir dann auch ein angemessenes Einkommen für unsere harte, schwierige, komplizierte und psychisch wie physisch extrem fordernde Tätigkeit durchsetzen, unseren elitären Status als Freiberufler erhalten und einen spannenden und immer wieder befriedigenden Beruf ausüben.

Dr. Werner Fuchs, Krefeld