Der gesamte Denkansatz für das staatliche Gemeinwesen stimmt nicht mehr:

Die Schere im Kopf

von Dr. Bernd Ulrich Borckmann in DZW 6/03

Wenn man in die Medien sieht, kann man schon seit einiger Zeit den Eindruck haben, daß in Deutschland so ziemlich alles schief geht, was nur schief gehen kann. Bei näherem Hinsehen zeigt sich schnell, daß der Eindruck durchaus berechtigt ist. Die Wirtschaft lahmt, Arbeitsplätze werden vernichtet, die staatliche Geesetzesmaschinerie dreht höchsttourig längst im roten Bereich, und trotzdem geht es nirgendwo auch nur ansatzweise bergauf. Die einzige stereotype Antwort der rot-grünen Regierung: mehr Staat, mehr Steuern, mehr Abgaben und mehr Einschränkungen demokratischer Grundrechte. Was ist hier los?

In unserem ureigenen Bereich gäbe es genug zu beklagen, aber damit anzufangen greift sicherlich erheblich zu kurz. Hier stimmt der gesamte Denkansatz für das staatliche Gemeinwesen nicht mehr! Seit 1945 galt Politikern und Wirtschaftlern ein Prinzip als grundlegend und quasi heilig: Wachstum. Wachstum bedeutet mehr Arbeitsplätze, Vollbeschäftigung, ja sogar die Notwendigkeit, Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben und damit als Kehrseite der Medaille wachsende Steuereinnahmen, Beiträge in die sozialen Sicherungssysteme und niedrigen Krankenstand, da nur die Jungen und Gesunden angeworben wurden. Der allgemeine Konsens war und ist bis heute: Wachstum bringt Reichtum und ist deshalb der Schlüssel zum individuellen und allgemeinen Glück. Jeder starrt auf die Prognosen der Wirtschaftsweisen, die Bundesregierung setzt illusionär optimistische Zahlen in die Welt und am Schluß kommt es wieder ganz anders, nämlich noch weniger, noch schlimmer. Wer erinnert sich noch an die Studie des Club of Rome 1973 "Die Grenzen des Wachstums"? Oder wenigstens an das Sprichwort der eigenen Oma: "Die Bäume wachsen nicht in den Himmel!" Recht hatte sie. Wachstum ist immer endlich, und jedes Prinzip, das auf Wachstum als Grundvoraussetzung baut, ist immanent zu Scheitern verurteilt! Im (verbotenen) Glücksspiel und in der Wirtschaftskriminalität kennt man das als Schneeballprinzip. Erst verdient man eine Zeit lang, dann bricht alles zusammen!

Erste Diagnose: So lange wir von den falschen Voraussetzungen ausgehen, können zwangsläufig auch nur falsche Ergebnisse herauskommen.

Wo liegen nun bei uns die Probleme? Die (zahn)medizinische Wissenschaft und Praxis hat sich, so lange ich sie selbst beobachtet habe, erst als Patient und dann als Zahnarzt, mit ständig wachsender Geschwindigkeit weiterentwickelt. Ich kenne noch den Pumpstuhl mit Doriotgestänge, Silikatzement und Kupferamalgam als Füllungsmaterial und arbeite heute mit modernsten Geräten und Materialien. Wir haben 3-D-Computersimulationen und 3-D-koordinatengeführte Zielsysteme mit Gebührenordnungen, die in ihrer Systematik und in der Honorarhöhe auf dem Stand von 1965 eingefroren sind (Extraktion eines einwurzeligen Zahnes BUGO-Z 1965 Nr.43 im höchsten Steigerungssatz 24 DM, ca. 12 Euro, heute nach GOZ 1988 Nr.300 ebenfalls im unrealistischen höchsten Steigerungssatz umgerechnet ca. 13,50 Euro, 26,95 DM). Warum hat das so lange geklappt? Weil bei vollen Kassen der Krankenversicherer die Menge keine Rolle gespielt hat! Jetzt, wo es selbst bei den privaten Versicherern klemmt, weil die Rücklagen am Finanzmarkt verrotten und Lebensversicherer nicht einmal mehr die gesetzlich festgelegte Verzinsung garantieren können, wird die Menge in der GKV über Degression, Budgets und Honorarkürzungen begrenzt. Die PKV optimiert ihre Hetzkampagnen gegen die Abrechnung der Zahnärzte, von Anpassung der Honorare an die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen 37 Jahre wagt niemand mehr zu träumen, und das Prinzip Hamsterrad greift nicht mehr.

Zweite Diagnose: Es gibt nicht mehr Geld zu verteilen, es werden nur immer mehr Leistungen für das gleiche (oder weniger) Geld erpresst.

Oder kurz und knapp: dieses System ist kaputt, fertig! Man kann noch so lange Kommissionen einsetzen und kluge Konzepte entwickeln: Das ist nicht mehr reparabel.

Aber es tun doch alle vieles, um die Lösung für das Problem des Gesundheits- und anderer Wesen zu finden. Warum klappt es nicht? Weil die Ursachen ignoriert werden und Lösungen nur auf einer Seite der Medaille gesucht werden: bei den Ausgaben. Da muß eingespart werden, da werden seit einem Jahrzeht die "Rationalisierungsreserven" gesucht, und natürlich müssen Verschwendung und kriminelle Machenschaften letztendlich ursächlich für das Scheitern des Systems sein. Das System hat nämlich immer recht. Wenn es nicht klappt, müssen die Beteiligten Schuld sein! Die Dakota-Indianer in den USA haben ein einfaches, aber treffendes Sprichwort: "Wenn Du merkst, daß das Pferd, das Du reitest, tot ist: Steig ab!"

Dritte Diagnose: Dieses System ist nicht mehr zu retten.

Der Staat hat, schleichend, bei Patienten, aber auch in unseren Köpfen eine schreckliche Auffassung zementiert: Dieses System ist gut, man muß nur an den richtigen "Stellschrauben" drehen, und "Unter-, Fehl- und Überversorgung" beseitigen, dann beginnt das Paradies für alle. Was anderes wagen wir schon garnicht mehr zu denken (falls Sie sich über die Überschrift gewundert haben: das ist die Zensur-Schere im Kopf!). Von wegen! In diesem System geht nichts mehr. Je schneller wir das begreifen und unseren Blick wieder für die Realitäten freimachen, umso eher können wir über wirkliche Lösungen nachdenken.

Eine Zahnarztpraxis ist ein mittelständischer Kleinbetrieb und unterliegt den gleichen ehernen betriebswirtschaftlichen Gesetzen wie jeder andere Mittelständler: Umsatz - Kosten = Gewinn. Wird der Gewinn negativ, bedeutet dies das endgültige Aus. Pleite.

Eine bankrotte Praxis "verursacht" wenigstens keine Kosten mehr: Falsch! Nicht der Arzt verursacht Kosten, sondern die Krankheit des Patienten verursacht Kosten.

Zahnärzte unterliegen nicht wirklich der immer wieder gebetsmühlenartig bemühten "sozialen Verpflichtung", die als Totschlagargument von Politikern und sogar vom Bundesverfassungs-gericht gerne bemüht wird, um jegliche Reglementierung zu rechtfertigen. Die "soziale Vepflichtung" hat, wenn überhaupt, der Staat! Und er muß sie dann auch irgendwie finanzieren, nicht der, der die Arbeit macht. Verträge mit den Krankenkassen bieten Sicherheit: seit einem Jahrzehnt wissen wir, daß gerade das nicht stimmt.

Zahnärzte können kein betriebswirtschaftlich kalkuliertes Honorar fordern? Doch, selbst in Ungarn sind Füllungen mittlerweile teurer als in Deutschland. Höhere Honorare kann niemand bezahlen? Doch, nur konkurrieren wir dann mit der Urlaubsreise und mit dem Konsumbereich. Schauen Sie sich einmal einen Tag lang die Schuhe Ihrer Patienten an: die kosten in der Regel mehr, als von einer Krone bei Ihnen übrig bleibt und sind nach ein bis zwei Jahren hin! Ganz zu schweigen vom Cashmere-Pullover der Damen!

Man muß nur "Unter-, Fehl- und Überversorgung" in den Griff kriegen: professoral geadelter, politisch hinterhältiger Unsinn! Die Ausarbeitung wurde mit diesem Titel von der Politik in Auftrag gegeben, vermutlich hat sie kein Politiker je vollständig gelesen (ich hatte mehrfach das Vergnügen), als Schlagwort wird das jetzt aber in der politischen Diskussion verwendet! Warum fehlt da die "richtige" Versorgung, die die anderen drei Begriffe erst definieren würde? Richtig! Weil es die eine und einzig richtige Versorgung bekanntermaßen nicht gibt! Daher ist sie nicht definierbar und somit sind auch die anderen Begriffe logisch unsinnig. Das hat nur niemand gemerkt.

Ich kann als freier Unternehmer gegen die Übermacht der Krankenkassen nicht bestehen? Richtig, in diesem System, in dem die Krankenkassen den dicken Knüppel haben und uns beide Hände auf dem Rücken verschnürt sind, nicht! Aber, was interessieren Sie eigentlich die Krankenkassen? Behandeln Sie die Krankenkasse oder den Patienten? Ihr "Geschäftspartner" und Empfänger Ihrer Leistungen ist der Patient. Wenn die Kasse pleite ist, muß sie das ihrem Versicherten klarmachen, nicht Sie!

Da komme ich doch nie an mein Geld? Doch, fragen Sie mal den Media-Markt, ob er an sein Geld kommt. Direkt, sofort, an der Kasse nämlich! Und ein Computer oder ein Edelfernseher sind allemal teurer als die "übliche" Zahnbehandlung. Auf den Plasmabildschirm muß der Kunde eben etwas sparen! Und das alles gegen einen Kassenbon. Nicht gegen 18 Seiten Formulare und Rechnungen für eine Einzelkrone wie bei uns.

Neubeschreibung der Zahnheilkunde, Leitlinien? Wir brauchen keine Neubeschreibung der Zahnheilkunde, wir wissen wie das geht: Für Geld gibt es Zahnheilkunde, für kein Geld gibt es keine Zahnheilkunde. So einfach ist das! Wie sonst auch überall im richtigen Leben.

Befundorientierte Festzuschüsse/Ausgliederung von Leistungen: Wieso zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wie die Krankenkasse ihre Leistungspflicht gegenüber ihren Versicherten erfüllt? Oder ob überhaupt? Jedenfalls liegt es nicht in unserer Verantwortung, Ansprüche der Versicherten gegen ihre Krankenkasse leichtfertig zur Disposition zu stellen. Die Kassen kassieren stetig steigende Beiträge. Wenn sie die daraus ihrer eingegangenen Verpflichtung zur Zahlung nicht mehr nachkommen können, müssen sie das ihren Beitragszahlern gegenüber erklären und verantworten. Bei uns würde man das auch schulterzuckend beim Namen nennen: Zahlungsunfähigkeit oder Bankrott.

Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, das ist aber nicht unbedingt notwendig. Wichtiger ist, das Prinzip zu erkennen: wir müssen das System wieder vom Kopf auf die Füsse stellen, alles andere verlängert nur die Agonie! Der, der arbeitet, bestimmt, was es kostet, und der, der eine Leistung will, entscheidet sich für die Leistung, die er auch bezahlen kann. Dafür versichert er sich irgendwie, mit Auswahlmöglichkeiten für die Höhe der Erstattung (so wie bei Haftpflicht, Teilkasko oder Vollkasko) und bezahlt entsprechend der Tarife seiner Versicherung. Wer nichts bezahlen kann, erhält vom Staat eine minimal ausreichende Versorgung bezahlt, vorzugsweise in Form von Festzuschüssen. Nicht der Zahnarzt arbeitet dann eben umsonst, warum sollte er auch, er ist schließlich weder mit dem Patienten noch mit den Politikern verwandt oder verschwägert.

Zu einfach? Richtig. Schließlich ist die Gesundheit ein so hohes Gut, daß zu ihrem Schutz auch weitgehende Eingriffe des Staates verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden sind (Zitat BVerfG-Richterin Jaeger). Blödsinn! Wer nichts ißt, verhungert nach wenigen Wochen, wer nicht zum Zahnarzt geht, hat nach Jahren schlimmstenfalls Löcher im Zahn. Da müßte man doch eher den gesamten Bereich Ernährung reglementieren als die Zahnheilkunde! Zu solch radikalen (im wahren Sinn "an die Wurzel gehenden") Veränderungen sind Politiker aber erst dann bereit, wenn das Chaos perfekt ist. Besonders die auf der marxistischen Umverteilungsideologie gründende Allianz der "Sozialpolitiker" quer durch alle Parteien wird sich so lange wie nur irgend möglich mit allen Tricks dagegen wehren, sich ihre Ideologie durch die harte Realität zerstören zu lassen. Was ist aber unsozialer, als die Freiheit der Bürger immer weiter zu beschneiden, ihnen den letzten Cent aus der Tasche zu klauben und zu schlechter Letzt alle zu Sozialhilfeempfängern zu stempeln?

Die Ideologie der Alt-68er ist gründlich und endgültig gescheitert. Andere Staaten haben den Wandel schon vollzogen, ironischerweise ausgerechnet das leuchtende Beispiel aller Sozialträumer, das uns mindestens ein Jahrzehnt immer als das gelobte Land einer "gerechten" Gesellschft hingestellt wurde: Schweden. Ist Ihnen schon aufgefallen, daß "Schweden" seitdem zum Unwort der Politiker geworden ist? Schweden? Was ist das? Wo liegt das?

Hören wir auf, am System herumzupusseln. Entwickeln wir endlich eigene Ideen und sind wir aber auch bereit, dafür zu kämpfen! Oder noch einmal mit den Dakota-Indianern: Steigen wir endlich ab!